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Dr. Böhms Praxis für Wanderweg-Heilkunde

Die Polycompetencitis

Wanderwegeklinik-Hauptseite
Vorhergehendes Symptom: Supersignaturits
Nächstes Symptom: Totalitaritis

Unterhalb des Gohrischsteines (Ein historischer Befund: 2014 von der Stadt Bad Schandau kraftig ausgelichtet)

Deutsche Krankheitsbezeichnung: Wege-Chaos.

Die Polycompetencitis beginnt schleichend. Hier hat sich bereits ein kleiner „Gehen-hält-fit“-Weg (sowie ein atypischer Weinrot-Lehrpfad) dem gelben Balken hinzugesellt.

Coswig (Sachsen)

Nein nein, das ist noch kein pathologischer Fall. Erst, wenn es dicker kommt:

Eine Milieustudie aus Kurort Gohrisch in der Sächsischen Schweiz (bereits einmal unter „Supersignaturitis“ visitiert, egal): Malerweg, gelber Balken, Terrainkurweg, Bodenlehrpfad und noch ein Lehrpfad. Multi- und Supersignaturitis schwächen das Immunsystem der Wanderwege. Wenn ein gewisser Schwächungsgrad erreicht ist, können sich artfremde Beschilderungskräfte ausbreiten und zu rasantem Wegemarkenwachstum führen:

Ostrauer Brücke Bad Schandau 2011

Schließlich bringen ganze Straßenbauämter ihre hochinfektiösen Schilderkeime in die Wunde ein und geben dem Weg den Rest.

Polycompetencitis

Hier geht rechts der blaue Balken und der grüne Punkt rein. Ganz fein ist das noch nachweisbar. In schlichter Zurückhaltung vor Jahrzehnten (sogar zweifach) dezent und fachgerecht ausmarkiert. Aber was können schon solch kleine Wegemarken gegen die Brachialgewalt eines keck davorgestellten „Straßenschäden“-Schildes ausrichten?

Oder auch so etwas:

Wegweiser Friedewald
Befund aus Porschdorf, für dessen Übermittlung ich mich herzlich bei meinen Kollegen Arndt Noack (Anamnese) und Andreas Pauly (Anästesie) bedanke.

Wegweiser Friedewald

Milieustudie aus Kreyern. Sieht nach Fördermitteln aus dem Landratsamt aus.

Symptomatik: Polycompetencitis ist das völlig chaotische Zumarkieren von Wegen mit Schildern und das massenhaft und unter Ausblendung jeglichen ästhetisches Empfindens.

Pathologie. Ich denke, man muss hier nichts extra ausführen. Augen auf, hingucken.

Abgrenzung zu Multi- und Supersignaturitis: Eine nahe Verwandtschaft besteht mit den Signaturitien (Multi- und Supersignaturitis). Diese pflegen ebenso, wie die Polycompetencitis mit zu vielen Wege-Kennzeichnungen Verwirrung zu stiften. Der Unterschied liegt in der der Anzahl der Markierungs-Antriebskräfte. Bei den Signaturitien handelt es sich um monokausale Symptomkomplexe, die in der Regel nur die typischen Wegemarken der Wanderwege ausprägen. Bei der Polycomptencitis hingegen treffen mehrere Beschilderungsantriebe (in Postelscher Terminologie: „polykausal“) aufeinander.

Therapie: Augen auf, hingucken. Das ist die beste Therapie. Die Polycompetencitis gilt als Krebsgeschwulst unter den Wegekrankheiten. Das stimmt aber nicht. Die Krankheit heilt sich selbst. Klar werden die Schilder zunächst immer wirrer und chaotischer, im Klimaxstadium bäumen sie sich noch einmal mit Großformaten, Kapital- und Ultrafettschriften auf, am Ende steht der völlige signographische Kollaps, eine mit Schildern total zugeballerte Landschaft. Doch die stummen Schreie der Schilder werden von niemandem mehr wahrgenommen:

Bayreuth, Richard-Wagner-Straße

Bayreuth. Klar gibt es da auch die Rotmainquelle und den Mainzusammenfluss. Es guckt da aber einfach keiner mehr hin. Denn wir haben da eine wunderbare Ausblendefunktion in unseren Hirnen. Und genau das ist die Chance.

Einfach wiedermal hingucken.

Aber was dann? Aber wie soll man denn so Unmassen Wege und Informationen kennzeichnen? Geht das überhaupt?

Na klar. Du sollst da aber nicht versuchen, alles selber zu machen. Wenn du da erst einmal als Gemeindearbeiter mit dem neuem Plasteschild, Leiter, Schelle und Akkubohrschrauber an die Stelle rangefahren bist, wo schon 10 andere Schilder hängen, ist es schon zu spät. Das ist dann schon der falsche zweite Schritt nach dem falschen ersten.

Dann hilft nur noch eines: Runter von der Leiter! Schmeiß die Schelle weg! Für den Job gibt es Typographen, Schriftschnitter, Grafiker. Die machen sich mit sowas Arbeit:

Symbojet von Andreras Stötzner (Symbojet, Entwurfsverfasser Andreas Stötzner, Leipzig)

Was für eine Zeichenvielfalt. Und was für eine Vielfalt an damit kodierbaren Aussagen. Damit könnte man was machen, was richtig gut aussieht. Alles in einer wohlgeordneten Harmonie und Formensprache.

Aber wisst ihr eigentlich wie lange der Stötzner an einem solchen Symbolsatz gefeilt hat? Vor allem, wie lange er darüber nachgedacht hat, bevor er damit das allererste Mal an den Computer ging? Die Schrift auf dem Straßenschild Richard-Wagner-Straße auf dem Bild da oben ist übrigens die Koch-Fraktur. Rudolf Koch, Schriftkünstler, 1876–1934. Die Koch-Fraktur ist in der Zeit von 1910 bis 1921 entstanden. Über 11 Jahre hat der da dran gesessen. Vielleicht hat er Glück gehabt und musste nicht in den Krieg. Da hat er dann in Offenbach in so einem Kohlrübenwinter gesessen und eben Schrift gemacht. Und die benutzen sowohl Bayreuth, als auch Kurort Gohrisch heute noch – für ihre Straßenschilder.

Aber ihr müsst ja immer alles ratz-batz fix selber zusammenklicken. Noch ein paar Schilder mehr in die Landschaft rein. Welche Schrift? Weiß auch nicht. Irgendsoeine. Mal gucken, was auf dem Computer so rumliegt.

Ja und dann wundert ihr euch, wieso die Wege alle Polycompetencitis haben.


Nachtrag: Märchen aus Tausendundeiner Nacht

Entdeckung 14.01.2014. Wenn wir im Morgenland sind, regen wir uns ja gern über die dort mitunter nicht ganz normkonforme Elektroinstallation auf. Aber eines muss man denen lassen: Das gibt es kein einziges Schild, was da die zweitausend Jahre alten Ziegelmauern verschandeln würde:

Chiwa

Keine Schilder. Ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht!

Nächstes Symptom: Totalitaritis


Angelegt 18.06.2012, Ergänzung 14.01.2014

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