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Dr. Böhms Praxis für Wanderweg-Heilkunde

Die Totalitaritis

Wanderwegeklinik-Hauptseite
Vorhergehendes Symptom: Polycompetencitis
Nächstes Symptom: Actionitis

Was soll an diesem Wegweiser schlecht sein?

Deutsche Krankheitsbezeichnung: Wanderwege-Total- oder Voll-Ausmarkierung

Hier gibt es mit , , und vier wunderbar ausmarkierte Wanderwege. Was soll daran schlecht sein?

Das Pathologische an der Totalitaritis wird oft nicht bemerkt, denn sie bereitet dem Wanderer meist keine offensichtlichen Schwierigkeiten. Alle Wege sind wunderbar ausmarkiert. Die Totalitaritis tarnt sich als vermeintliche Gesundheit.

Was aber ist die Kernaussage dieses Wegweisers mit seinen 8 Schildern und 4 Markierungen? Es ist nicht mehr, als ein simpler Wegabzweig. Und deswegen 8 Schilder. Wir haben es hier also mit einer totalen signographischen Übermedikamentierung zu tun. Man merkt das wenn man sich eine Karte anguckt:

Erst im Übermaß der Ausmarkierung von Wanderwegen stellt sich der Befund als ein pathologischer heraus: Ein von der Totalitaritis befallenes Wanderwegenetz ist seelisch tot.

Symptomatik: Die Kernsymptomatik der Totalitaritis besteht darin, dass es in einem Wandergebiet keine oder zumindest fast keine unmarkierten Wege gibt.

Pathologie: Es gibt zwei Ausprägungen. Die Totalitaritis extremaduras und die Totalitaritis devastico.

Totalitaritis extrematuras: Um ein Wegenetz mit vielen Wegen total auszumarkieren, bedarf es einer sehr großen Anzahl von Wegemarken. Hier liegt eine Parallelsymptomatik der Multi- oder Supersignaturitis vor, die in der Tat die Totalitaritis häufig begleiten: Unmassen von Wegelinien lassen Markierungssystem, Landschaft und Kartenbild in ein völlig unübersichtliches Wirrwarr entarten. Das ist die Totalitaritis extrematuras. Wir demonstrieren die extremaduras mit einem wunderbaren Befund, den mir freundlicherweise Sven Lehmann, Sörnewitz mitgeteilt hat:

Bild: S. Lehmann, Sörnewitz. Kartengrundlage: GeoSN

Ich bedanke mich ganz herzlich. Fundort der Feldstudie ist eine Wegetafel in Kurort Seiffen/Osterzgebirge. Bitte nicht flüchtig weiterscrollen. In so eine Karte muss man sich hineinvertiefen. Totalmarkierung, Multisignaturitis, Supersignaturen, völliges Durcheinander, Markierungswahn, da ist alles zu sehen. Ganz klar, dass sich Herr Lehmann hier ganz einfach verlaufen musste (wie er mit freundlicherweise mitgeteilt hat). Gib mir Worte zu schwärmen! Lila, braun, gestrichelt. Mehrere kaum zu unterscheidende Rottöne. WDE, EB, E3. Wahnsinn. — Übrigens: So eine Karte könnte man sich niemals als Fake selbermachen. So etwas wäre ohne tatsächlichen Feldnachweis völlig unglaubwürdig.

Totalitaritis devastico: Wenn aber nur ein oder zwei Zeichen ausreichen, um sämtliche Wege eines Gebietes total auszumarkieren, dann sind dies völlig verarmte, strukturlos gewordene Weglinien, die den Namen Wegenetz kaum verdienen. Dies ist dann die Totalitaritis devastico. Die devastico prägt sich u. a. typisch in Nationalpark-Kernzonen aus, z. B. im Großen Zschand (Nationalpark Sächsische Schweiz) oder im Brockengebiet (Nationalpark Harz).

Das Heimtückische an der Totalitaritis ist ihre Tarnung. Der Wanderer nimmt den immensen geistigen Aufwand, mit dem er sich durch eine Totalitaritis extrematuras hindurchzufitzen gezwungen wird, oft nicht wahr oder er lastet Orientierungsprobleme seiner eigenen Unerfahrenheit an. Ebensowenig wird er sich beim Abwandern einer Devastico des quasi bei Null liegenden Orientierungsnutzens bewusst werden, die ihm da die Wegemarken beim kilometerlangen Abspulen einer völlig alternativlosen Weglinie bieten.

In der Endkonsequenz empfängt der Wanderer in einem von Totalitaritis befallenen Wegesystem die (vorbewusste) Botschaft, dass es keine anderen Wege gäbe oder alle (nichtmarkierten) Wege irgendwie nicht zum Wandern da seien. Er ist quasi ein unterbewusst Gefangener im „touristischen Subsystem“.

Schein-Totalitaritis: Dieser Endeffekt kann bereits bei einer sich nur zart anbahnenden Totalitaritis auftreten. Wanderer trauen sich oft nicht mehr, einfach so auf einem unmarkierten Weg entlangzuwandern. Wir bezeichnen dieses bedauernswerte Natur-Entfremdungs-Symptom als als Schein-Totalitaritis oder als „Über-Ich-induziertes Sich-Selbsteinsperren des Wanderers in das touristische Subsystem“.

Therapie: Die Totalitaritis muss nicht unbedingt behandelt werden. Unerfahrene Wanderer werden sich das Nichtzurechtfinden selbst anlasten oder eben dröge so eine devastierte Weglinie stur abwandern. Der erfahrene Wanderer blendet die Markierungen komplett aus und wandert einfach eben auf irgendwelchen Wegen entlang. Egal, ob 5× markiert oder überhaupt nicht. Notfalls querfeldein.

Ansonsten ist eine Therapie schwierig. Die nahe liegende Radikallösung einer drastischen Wegweiser- und Wegemarkenreduktion ignoriert die Tatsache, dass Wegesysteme gewachsen und nicht gemacht worden sind. Wegenetze sind Lebewesen, die nicht so einfach drastisch „zurechtamputiert“ werden können.

Das Tragische an der Totalitaritis ist auch, dass sie oft mit immensen kommunalen, ehrenamtlichen oder auch schutzgebietsadministrativen Energien einhergeht, die sich radikalen Reduktionsszenarien vehement entgegenstellen. Da hat man schon einmal den nicht selbstverständlichen Fall, dass eine Wanderinfrastruktur hervorragend aufgestellt ist. Und dann soll dies alles ein Zuviel des Guten sein? Da bleibt dem Patienten nichts, als den Gang zum Arzt konsequent zu verweigern: Genau das ist die Tarnung der Totalitaritis – als vermeintliche Gesundheit.

Medikation: Dabei ist freilich Abhilfe leicht möglich:

Totalitaritis ausgeheilt

Das beste Mittel gegen Totalitaritis ist der einfache unmarkierte, aber dennoch wegweisertragende Wanderweg. Gerade in Neben-Wandergebieten sind diese nach wie vor häufig anzutreffen.

Pascherweg

Als ob man hier nicht auch wüsste, wo es langgeht.

Grundmühle Hohnstein

Was für ein schöner Wegweiser. In Hohnstein an der Grundmühle. Muss da noch irgendeine andere Information drauf? Ich glaube nicht.

Der Typograph muss hier übrigens auf die wunderschön gelungene Zeitangabe verweisen. Die Bruchziffer: Gib mir Worte zu schwärmen. Und das Stunden-h: Darauf, ein leicht hochgestelltes h zu schreiben muss man erst einmal kommen. Quasi in einer Super-Subskriptposition. Am Computer kommst du jedenfalls nicht so schnell drauf. Da brauchst du schon einen Pinsel.

Nächstes Symptom: Actionitis


Angelegt 18.06.2012
Überarbeitet 04.02.2014
Durchsicht 02.06.2014

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