Big brother watches you

Erster kameraüberwachter Wanderweg?

Von Thomas Zuche erhielt ich zwei Bilder mit der besorgten Anmerkung „erster kameraüberwachter Wanderweg“, die mich ein wenig nachdenklich machen. Schöne Bank am Wanderweg im Kohlichgraben:

Hübscher Rastplatz ...
Bild: Thomas Zuche, Görlitz

Da hängt eine Überwachungskamera mitten im Wald:

... mit Kamera
Bild: Thomas Zuche, Görlitz

Zunächst – ganz der allererste elektronisch überwachte Wanderweg wäre das nicht. Holzsäulen mit Zählelektronik sind bereits aus der Böhmischen Schweiz bekannt. Auch war schon im deutschen Naturschutzumfeld gelegentlich von „automatisierten Begängniserfassungen“ die Rede (etwa Häntschelstiege). Kameras wären da der nächste Schritt. Vor etwa einem Jahr gab es eine „Wildbeobachtungskamera“ in der Nähe Fernblickboofe, die aber wieder verschwunden ist.

Zähler am Eustachius
Zähler am Eustachius (Karte Balzhütte)

Grundsätzlich sehe ich eine gewisse Wandererzählung seitens der Nationalparkverwaltung nicht kritisch, im Gegenteil, in einem Nationalpark darf schon ungefähr bekannt sein, wieviele Menschen dort wandern. Das kann übrigens auch eine „wandererverteidigende“ Wirkung haben, die Erfasssung an sich ist ja wertneutral, natürlich lassen sich so „schädigende Wanderintensitäten“ aufzeigen, aber auch die Naturverträglichkeit des Wanderns kann so belegt werden.

Das ist nun allerdings so eine Frage. Wir merken allmählich: Die Überwachung nimmt zu, da ist immer mehr System dahinter und auffallend oft ist dann das Fazit: „Es wird immer schlimmer“. Eine Kameraüberwachung als nachträglichte Beweissicherung des bereits als „Naturschädiger“ vorverurteilten Wanderers ist fragwürdig. Auch hier gilt also der alte Satz des Paracelsus: Die Dosis macht das Gift.

Also ein paar Gedanken.

Erster Gedanke: Natur und Mensch. Natur ist etwas Gewaltiges, zugleich auch etwas Wunderschönes, zu dem es uns hinzieht und zu dem wir hinstreben, ein Wunder ist die Natur sowieso. Seit Zehntausend Jahren ist die „potentielle natürliche Vegetation“ hier Mischwald. Seit etwa 1985 bemerken wir, dass die „Natur“ vom Menschen dadurch bedroht ist, dass er auf einsamen Pfaden im Thorwald herumtippelt. Seit ebenfalls etwa 1985 gibt es die sog. „Mikroelektronik“, mit der es nun möglich ist, den einsamen Menschen im Wald mit Kamera aufzunehmen und das scheint man denn nun auch zu machen um irgendwie „die Natur zu retten“. Also irgendwie scheint da das Verhältnis von Mensch und Natur nicht ganz im Lot zu sein.

Zweiter Gedanke: Angst. Was uns da Angst macht, ist unser eigenes Herumkrauchen auf unserer Mutter Erde. Mal Chemie, mal Autos, mal Atomkraft, mal Beton. Und ich warte ein bisschen darauf, dass wir irgendwann auch darauf kommen, dass dieses ganze „unnatürliche“ Computerzeugs genau so schädliche Nebenwirkungen hat, wie Arsenfarbe, Asbest, Röntgenstrahlen oder CO2. Angst ist ein Fluchtmotiv. Wir fliehen dann in den Nationalpark. Aber vielleicht ist es auch Angst – diesmal die Angst der Nationalparkverwalter – deren Spuren wir dann in Form so einer Kamera begegnen. Ach, wir armen Hasen, die wir vor dem Igel in die Natur weggerannt sind, der dich dann mit einem fröhlichen „Ück bin schon all hier“ im Kohlichtgraben filmt. Also, um videoüberwacht zu werden, da hättest du doch gleich in deiner Großstadt am Hauptbahnhof bleiben können.

Dritter Gedanke: Psychologie. Das gilt aber auch andersherum. Du kommst da ja doch nicht drumrum und kannst überhaupt nichts machen. Also sieh zu, dass du dir dein eigenes Leben möglichst selbst einigermaßen erträglich einrichtest. Wir alle sind gern draußen in der Natur, gern allein, gern in völliger Einsamkeit und unser aller Ideal wäre es, sowas im Job zu machen. Also ist es doch das beste, du machst da eine Ausbildung oder studierst Naturschutz und bewirbst dich dann gleich bei der Nationalparkverwaltung als Ranger. Es werden nämlich gerade ein paar neue Planstellen geschaffen.

Hast du es dann „geschafft“? Eher nicht. Du „wanderst“ dann nach Dienstplan und kontrollierst Kamerachips, Batteriestände, Zählmodule und wenn da was nicht hinhaut mit TCP/IP musst du dann im Wald an den „Einstellungen“ rumkonfigurieren, schöne Natur. Die meiste Zeit verbringst du aber sowieso im Büro, wo dir deine Exceltabelle dann ausspuckt, dass das Begängnis am Wegknoten 248812 letztes Jahr um 19,73 Prozent zugenommen hat, Signifikanz 3,92, Korrelationsfaktor 0,78. Es wird eben immer verrückter mit den Wanderern, die dir, diesmal bist du der Hase, von jedem einsamen Waldpfad ein herzliches „Ich bün schon all hier“ entbieten. Und mögest du da auch nioch so viel Kameras hinhängen.

Vierter Gedanke: Polizeistaat. Nein, ich glaube, so schlimm ist das auch wieder nicht. Aus Insiderkreisen ist bekannt, dass man aus Kamerabildern eher nur ganz allgemeine Begehungs-Intensitätsstatistiken ableitet. Es wurde glaubhaft versichert, dass etwa eine „Gesichtserkennung“ schon deshalb völlig ausscheidet, weil derartig gewonnene Erkenntnisse „juristisch völlig unverwertbar“ seien. Man wundert sich trotzdem, was es so für Überlegungen gibt. Und da „Monitoren“ doch etwa „Überwachen“ heißt – also doch ein wenig „Überwachungsstaat“?

Ach, sehen wir mit ein bissl konservativer Nonchalance drüber hinweg – so neu ist das nun auch wieder nicht. Auch schon im 19. Jahrhundert kannte der königliche Forstadjunkt „seine“ Wilderer mehr oder weniger alle persönlich. Da war auch nichts mit Datenschutz bei Jans oder dem ollen Cunnersdorfer Wilderer. Kamera ins Jansloch reinhängen ging nicht, die mussten da schon raus in den Zschand. War eben alles naturnäher damals – tja, das ist eben das Typische an der guten alten Zeit – dass sie so schon „naturnah“ war.

Letzter Gedanke: Was also tun? Hier bemühe ich nun wieder die Sentenz mit der griechichen Tragödie. In der der tragische Held das tragische Geschehen dadurch auslöst, indem er es zu verhindern sucht. Ach mögen da ein paar Kameras rumhängen. Und auch die User aufrüsten. Irgendwann werden wir alle bemerken, dass dies alles vergebliche Mühen sind. Also am besten gar nichts machen.


 

Was also tun?

Mach dir blos keine Gedanken um so ein elektronische Plastekästel da im Wald. Das versaut dir das ganze Naturerlebnis. Außerdem sind die Batterien vielleicht sowieso schon runter.

Mach zu Hause den Computer aus und nimm dir das alte Buch von dem alten Schönaer Dorfschullehrer Moritz Martin von 1870, René Misterek, Stadtmuseum Pirna 1996. Unergooglebar. Oder lies das alte Manuskript von Miroslav Nevrlý über das Hinterland. Klar wird alles immer schlimmer. Aber genau das beschreibt Miroslav Nevrlý in seinem Gleichnis von der Misteldrossel.

Schließe die Augen und stell dir eine Farbe vor: Balzhüttengrün. Wenn du vom Kohlichtgraben runterkommst, unten am Bahnhof Kohlmühle, der Sandstein unten an der Sommerwartehalle ist jetzt im Frühsommer immer leicht bemoost. Genau diesen Grünton muss Nevrlý gemeint haben.


 

Ich bedanke mich herzlich für die Bilder bei Thomas Zuche.

24.06.2020 Initial

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