Großer Zschand 2021

Vertrauen wagen, damit wir leben können

Großer

Der Wald steht schwarz und schweiget

Dass mit dem Borkenkäfer irgendwas kommt, war klar. Aber so haben wir es uns in unseren kühnsten Alpträumen nicht vorgestellt. Der ganze große Wald ist tot. Die Thorwaldbrücke überbrückt nicht länger die Kirnitzsch. Der Fluss unter ihr scheint zum Acheron geworden zu sein, auf dem der Fährmann Charon die Toten flößt. Und über die Brücke geht es glatt in den Hades hinein:

Der Wald steht schwarz und schweiget

Das hier ist ein Weg:

Im Hades

Da braucht man eine Säge, um durchzukommen.

Der Große Hochhübelweg führt vom Zeughaus zum Reitsteig hinauf. Hier nützt auch eine Handsäge nichts mehr:

Großer Hochhüberlweg 2020

Das Zeughaus ist übrigens die Film-Rangerstation von Fernsehranger Jonas Waldeck, wo er die niedlichen Luchswelpen streichelt, die ihm Wildbiologin Elisa mitgebracht hat. Wie heißt doch gleich die Serie?

Paradies Heimat

Paradies Heimat. Sieht man auf den ersten Blick.

Außer der geschauspielerten Nationalparkverwaltung gibt es natürlich auch eine echte Nationalparkverwaltung und die muss da natürlich reagieren:

Wald gesperrt

Wald gesperrt, § 13 Sächsisches Waldgesetz.


Erster Akt

Und doch ist das das nur der zweite Aufzug der großen Tragödie.

Der erste Akt heißt Wegenetzausdünnung aus naturschutzfachlichen Gründen und der wird hier schon seit 20 Jahren aufgeführt. Was war der große Wald zwischen Großem Winterberg, Zeughaus und Kirnitzschtal doch einmal für ein wunderbares Wandergebiet. Von unzähligen Wegen durchzogen, unendliche Wandermöglichkeiten. Nach 30 Jahren Nationalpark gibt es hier gerade noch ganze drei ausmarkierte Hauptwanderlinien:

Doch nun haben wir hier das große Borkenkäfermikado. So ein toter Baum fällt ja irgendwann um und auf den Weg drauf. Als erstes wurde im März 2020 die Hochhübel-Reitsteig-Linie gesperrt. Im November 2020 folgten Hickelschlüchte-Stimmerdorfer Weg/-Brückengrund. Anfang 2021 wurde dann der letzte noch verbliebene Weg, die Richterschlüchte dichtgemacht. Und jetzt haben wir da das, wovon böse Zungen behaupten, dass das so schon immer die Zielvorstellung gewesen sei – ein riesengroßes menschenleeres Totelreservat. Kyrie eleision.


Ein Blick in die Karte

Großer Hochhübelweg 2020

Was ist das für eine Riesenlandschaft, durch die nun kein einziger richtig erlaubter Weg mehr führt? Vom Großen Winterberg bis zur Kirnitzsch bei Hinterdittersbach sind es 6,2 Kilometer. Das ist etwa so weit, wie von Lichtenhain bis nach Saupsdorf oder von Stadt Wehlen bis nach Hohnstein. Rathen, Bastei, Polenztal – das passt da alles rein. Ohne einen einzigen Weg. Die Fläche von Schrammsteinen und Affensteinen zusammengenommen. Das muss man sich einmal vorstellen.

Ich will der Nationalparkverwaltung ja gar nicht unterstellen, dass das alles schon immer so beabsichtigt war. Dass die Altsperrungen und der Borkenkäfer von vornherein abgekartet waren. Schon immer gab es ja auch gemäßigtere Naturschützer die den Wanderer doch nicht ganz so als apokalyptischen Hauptnaturzerstörer gesehen haben und sich gefreut haben, wenn es ein paar Menschen in der Natur gibt. Und selbst die von der hartgesottenen Sorte werden sich 1990 wohl kaum vorgestellt haben, so ein Gebiet wandermäßig völlig plattzumachen.

Aber es passt „zufällig“ sehr gut auf so Naturschutzstudien von der Nationalpark-Webseite. Es gibt eine „touristische Übernutzung“, die „einzuschränken ist“. Der „Besucherdruck ist zu vermindern“, hierzu ist „die Wegdichte zu verringern“, dazu sind „Maßnahmen der Wegauflassung und des Wegrückbaus“ erforderlich. Die Naturschutz-Professoren und -professorinnen, die so etwas schreiben, sind ja nicht dumm. Haben die das wirklich nicht so gemeint?

Physikalischer Exkurs: Außerdem sollte man, wenn man schon so physikalische Größen wie „Besucherdruck“und „zu hohe Belastung“ auf den Wanderer überträgt, auch mal das Boyle-Mariottsche Gasgesetz der isothermen Zustandsänderung beachten. Wenn man schon feststellt, dass der Druck zu hoch ist, ist es doch das allerblödeste, das Volumen kleiner zu machen. Dann fliegt der Kessel doch nur umso schneller in die Luft. Wenn ich schon Wege massenhaft sperre und das Wandern quadratkilometerweise verbiete, brauch ich mich doch überhaupt nicht zu wundern, wenn der „Druck“ in den restlichen Gebieten noch mehr ansteigt. Ende physikalischer Exkurs.

Also, nun steht er eben da, der große abgestorbene Wald und in den nächsten Jahren werden die Bäume nach und nach alle umfallen. Borkenkäfermikado. Ein paar Dutzend Bäume reichen und ein Weg ist unwegsam. Und natürlich würde die Nationalparkverwaltung Wege schon gern wieder freisägen, aber das hat nicht viel Sinn. Denn der herumstehende Baumvorrat reicht noch eine ganze Weile. Da fallen dann immer wieder neue Stämme drüber. Und gefährlich ist es ja auch.

Da ist nun also guter Rat teuer.


Vertrauen wagen, damit wir leben können

Doch es gibt auch Hoffnung.

Ich darf vielleicht nicht so viel Studien lesen. Neulich, als ich wieder einmal im Kirnitzschtal hinterwanderte, hielt plötzlich ein Auto der Nationalparkverwaltung neben mir. Der diensthabende Ranger hat mich freundlich begrüßt, wir haben uns ein wenig über den Wald unterhalten und natürlich war da der Borkenkäfer ein Thema. Er hat mir gesagt, dass er das mit den Wegen auch ganz schlimm findet. Und ich hab ihm gesagt, dass ich mich freue, wie licht das Kinrnitzschtal auf einmal wieder ist. Und auch sonst treffen wir uns ja immermal draußen im Wald.

Die Ranger sind oft alte Forstleute. So einen Beruf ergreifst du ja nicht, weil du einen besonders technokratischen Stadtjob machen möchtest, sondern weil dein Herz ein wenig für die Natur schlägt. Und es ist ja keine Gehässigkeit, dass sie jetzt die Wege sperren, sondern ihr Job wegen der Wegsicherungspflicht. Also ich glaube schon, dass die Nationalparkverwaltung da wirklich ein wenig ratlos ist. Und dass schon der Wille da ist, die Wege zu erhalten.

Am Nordende des Reitsteiges habe ich ein Schild entdeckt. Auch dies gibt ein wenig Hoffnung, wenn man es sich etwas genauer durchliest:

Großer Hochhübelweg 2020

Das steht „gegenwärtig nicht begehbar“, was auf ein künftiges Freischneiden ja implizit hinweist. Auch bedeutet „vorübergehend gesperrt“ keinesfalls entgültig gesperrt. Wir sollten Vertrauen wagen und nicht schon voreilig Arges argwöhnen. Klar kann „gegenwärtig nicht begehbar“ „künftig auch nicht begehbar“ einschließen und was „vorübergehend gesperrt“ ist, kann auch mal „entgültig gesperrt“ sein. Es gibt aber nur eine Möglichkeit, die in die Zukunft führt: Vertrauen wagen, damit wir leben können.

Denn unsere Wege sind nun einmal unsere eigenen Spuren, Spuren unseres Seins im Wald und damit unser eigenes Leben.


Hinweise für das Draußensein

Kernzone

Natur ist eine Urgewalt, die uns oft anders begegnet, als wir es uns wünschen. Und anders als wir es uns dünken, können wir nichts machen, als uns dem langsamen Wirken der Götter anzuvertrauen.

Aber gerade deswegen gehen wir ja raus. Dann mal los, Wanderer und Wanderin. Es wird auch von dir abhängen, ob die Berge der Sächsischen Schweiz auch künftig noch zugänglich sein werden. Oder ob du als „Nationalparkbesucher“ in nochmal 30 Jahren gerade noch Auslauf vom Parkplatz bis auf die Basteiaussichts-Betonplatte kriegst, die die da gerade frisch hinbetonieren.

Wie die Nationalpark-Studienschreiber das sehen, kann uns bissl egal sein. Die Ranger, denen wir hinten im Wald begegnen, werden uns herzlich begrüßen, denn ein Vorteil wird künftig auch sein, dass sich da wirklich nur noch Leute in die Hinteren Wälder hineintrauen, die eine gewisse Mühe für das Draußensein nicht scheuen. Auch das kann uns mit der Nationalparkverwaltung versöhnen.

So und nun, Böhm, weg vom Computer. Raus in den Wald. Da geht ein Weg lang:

19.01.2021 10:45 Uhr

Dann mal los. Denn was kann es Schöneres geben, als eine Winterwanderung in so einem unberührten, tief verschneiten Wald.


Ich bedanke mich herzlich bei Roland Leskau für die Anregung zu dieser Seite.

26.01.2021 Initial
27.01.2021 Passender Aufsatz dazu: Dirk Schulze: Totholz blockiert Wege im Nationalpark. Sächsische Zeitung Pirna
06.02.2021 Es heißt Wanderin und nicht Wandererin. Ich muss noch bissl üben mit dem generativen Feminitiv. Auch ist es nicht das Gay-Lussacsche Gasgesetz (dies beschreibt nämlich die hier nicht zutreffende isobare Zustandsänderung), sondern das Gasgesetz von Boyle-Mariotte und die isotherme Zustandsänderung, die wir auf die Wanderwegvolumen-Besucherdruck-Funktion anwenden. Entschuldigung, kleiner peinlicher Fehler.

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