Wie der Nationalpark mit Rettungswegen völlig unterversorgt ist
Es gibt eine Karte, die es in sich hat. Sie ist zwar nur „nur für den dienstlichen und internen Gebrauch“, kursiert aber schon eine Weile und geht uns eigentlich alle etwas an. Die Rettungswegekarte der Nationalparkverwaltung Sächsische Schweiz 2026.
Die Karte
Legende:
Die 4 Rettungswegekategorien der Nationalparkverwaltung entsprechen recht genau den von mir benutzten Wegeklassen 90, 80, 70 und 60.
Es lohnt sich, die Karte genauer anzusehen.
4×3 km Bielatalgebiet – kein Nationalpark:
Rettungswege außerhalb des Nationalparks. In jedem Quadratkilometer gibt es ausreichend Rettungswege, so dass Personenrettung und Brandschutz überall gut gewährleistet sind. Dies kann als Standard angesehen werden.
4×3 km Hohnstein – Vorderer Nationalparkteil:
Bereits im vorderen Nationalparkteil erkennt man quadratkilometergroße Gebiete ohne auch nur einen einzigen Rettungsweg.
4×3 km Kleiner Zschand – Hinterer Nationalparkteil (überwiegend Nicht-Kernzone):
Im hinteren Nationalparkteil werden die Lücken noch größer. Borkenkäfer-Befallsflächen sind in der Karte hellbraun markiert. Hier ist die Brandlast und die Undurchdringlichkeit besonders hoch.
4×3 km Thorwald – Hinterer Nationalparkteil (überwiegend Kernzone):
Ganz stark ausgedünnt ist das Rettungswegenetz in der Kernzone östlich des Großen Winterberges. Hier ist die Landschaft weiträumig von jeglicher Zufahrmöglichkeit völlig abgeschnitten.
Bange Frage: Was ist, wenn Rettung nötig wird? Am 02.10.2026 ist ein Wanderer den Affensteinen abgestürzt. Trotz einer Entfernung von nur 100 Metern zum gut begehbaren Wanderweg Königsweg haben 28 Rettungskräfte (12 Bergretter und 16 Feuerwehrleute) 5 Stunden benötigt, um den Verunglückten zu retten. Mitten in der Nacht von 22 bis 03 Uhr. Am 31.03.2024 hat sich ein fünfjähriger Junge in der Rathener Kernzone verirrt. Ein Großaufgebot aus Rettungskräften brauchte 9 Stunden, um ihn wiederzufinden. Die Suche dauerte von 13 bis 22 Uhr.
Schnell gibt es die üblichen Schuldzuweisungen. Der abgestürzte Wanderer war angetrunken, was hat der auch nachts im Wald zu suchen? Und werden nicht Waldbrände zu 95 % von Menschen verursacht? Andersherum: Die Brandlast ist zu hoch. Es wird kein Holz entfernt. Die damit verbundene Brandgefahr wird kleingeredet und verharmlost. Die Zahl der zu schützenden Objekte und Ortslagen wird viel zu niedrig angesetzt. Die Breite der Schutzsäume um die Siedlungen ist viel zu schmal. Und natürlich wachsen die Wege immer mehr zu.
Doch all das ist Abspaltung und Projektion und wenig hilfreich. Es werden immer Wanderer verunglücken, egal, ob selber Schuld oder unschuldiges Kind. Es wird immer wieder Waldbrände geben, egal ob Brandlast oder Brandstiftung (und diese vom Boofer oder Ranger). Außerdem ist Wege freischneiden eine Sisyphusarbeit, die nie aufhört.
Naturlandschaft oder Kulturlandschaft?
Unser Wald wird seit 30 Jahren nicht mehr gepflegt, was ja auch in einem Nationalpark überwiegend richtig ist. Doch mittlerweile ist im Nationalpark eine Landschaft ganz eigener Art entstanden.
Unser altes Waldbild gründet sich auf Hänsel und Gretel und dem Caspar-David-Friedrichschen Bild „Waldinneres bei Mondschein“. Wir denken, unser Wald sei eine Naturlandschaft – Kultur gibt es in Dresden im Kulturpalast und in der Gemäldegalerie. Folgerichtig fragt auch Erich Wustmann in dem DDR-Fernsehfilm „Bei uns zu Haus im Kirnitzschtal“ (1982, 42:10) „Und die Kulturfrauen im Forst – die sind wohl für das Kulturleben in der Brigade verantwortlich?“.
Eher nicht. Die Kulturfrauen legen die Forstkultur an. Sie fahren gerade in den Großen Zschand, um einen Kahlschlag mit Fichten aufzuforsten. Unser Wald ist gar keine Naturlandschaft, sondern eine Forstkultur.
Wegeunterhaltung in Kultur- ./. Naturlandschaft
Mit der Forstkultur sind auch die Forstwege entstanden. In der linkselbischen Sächsischen Schweiz, außerhalb des Nationalparks, sind die Wege nach wie vor die ganz gewöhnlichen Wald-Wirtschaftswege. Auf den kleineren (blauen) Wegen, fahren die Forstmaschinen. Auf den größeren (roten) Wegen wird das Holz dann von den „Ziegenbalg“-Lastern abtransportiert. Die Wege werden durch die Forstwirtschaft gebaut und unterhalten und letzendlich über den Holzerlös bezahlt. Wegeunterhaltung ist teuer, der Aufwand ist aber erforderlich, denn irgendwie muss das geschlagene Holz ja aus dem Wald heraustransportiert werden. Diese Wege stehen zugleich als Rettungswege zur Verfügung.
Doch im Nationalpark werden die Wege nicht mehr für Forstzwecke benötigt. Es herrscht Prozesschutz, Natur Natur sein lassen. Doch was bedeutet das für die Rettungswege?
Möglichkeit 1: Man tut nichts. Dann werden die Wege langfristig untergehen (dass dies bei Wanderwegen vielleicht von gewissen Naturschützern erwünscht ist, ist ein anderes Thema.)
Möglichkeit 2: Wenn man die Wege als Rettungswege erhalten will, muss man den Aufwand, der nun ja nicht mehr vom Holzerlös bezahlt wird, aus dem Nationalparkhaushalt bestreiten. Das kostet aber.
Was bedeutet das für einzelnen Wege?
Das Ergebnis zeigt die Rettungswegekarte und es ist überall in der Landschaft erkennbar. Einige wichtige Hauptachsen, z. B. Pionierweg, Zscherregrund, Brandstraße, Zeughausstaße, Untere Affensteinpromenade werden wohl nach wie vor gut erhalten werden. — Dann folgt allerdings eine gewaltige Grauzone, Wege, bei denen man sich fragt, was wird aus diesen Wegen? Einfach mal die Winterbergstraße ansehen, da müsste mal was gemacht werden. Holzlagerplatzweg Schmilka, was, wenn die Stützmauern dort einmal baufällig werden? Schindergraben, großes Fragezeichen. Im Polenztal ist der rechte Polenztalweg 2017 klammheimlich entmarkiert worden, auch baufällige Stützmauern, so dass da nur noch ein Weg zur Waltersdorfer Mühle führt. Der Roßsteig vom Winterberg zum Zeughaus ist über weite Strecken kaum mehr, als nur noch ein Fußweg, dies ist die einzige Verbindung zwischen Winterberg und Zeughaus, freilich mit dem 32-%-Steilstück am Goldstein, das schon immer problematisch war. Uttewalder Grund: zur Waldidylle führt gar kein Rettungweg mehr. Elbleitenweg, schwieriger Fall, mit Pkw gerade noch passierbar. — Und dann gibt es gewaltige Löcher, die oft überhaupt nicht wahrgenommen werden und die in keinem Freischneideplan auftauchen, keine Kapazität. Der Vordere Thorwaldweg ist zwar als Rettungsweg dargestellt, aber völlig verbrochen. Der Brückengrund südlich der Felsenmühle, kyrie eleison. Zu den Thorwalder Wänden führt gar kein Weg mehr hin, quadratkilometerweise völlig undurchdringliche Wildnis. Ziegengrund, einst ein guter Wirtschaftsweg, völlig verfallen. Der Stimmersdorfer Weg am Altarstein, warum heißt der eigentlich „Stimmersdorfer Weg“? Im Habichtsgraben: Gewaltige Hänger, gegen die man einigermaßen machtlos ist. Kehlloch: längst zu, weil da 2010 niemand die Stützmauern repariert hat. Wolfsbergweg, vielleicht nicht unbedingt nötig. Holländerweg Tiefer Grund – Waitzdorf, fraglich. Forstgraben, ungepflegt und verbrochen.
Aber was, wenn es wieder einmal brennt? Und wenn jemand abstürzt? Oder wenn ein kleines Kind verloren geht? Und es sind auch noch viele andere Situationen denkbar, in denen Rettungseinsätze erforderlich sind. Der Hubschrauber kann letztendlich nur den finalen Abtransport bewirken. Und es kann doch nicht jedesmal ein zweistelliges Feuerwehr-Räumkommando mit Kettensägen ausrücken.
Fazit
Die Nationalparkverwaltung tut mit ihren Mitteln, was sie kann. Eine andere Frage ist, hat sich irgendjemand im Umweltministerium schon einmal darüber Gedanken gemacht, dass mit Wegfall der Holztransportes im Nationalpark auch die Grundlage der Finanzierung der Rettungswege weggefallen ist und dass diese nun anderweitig finanziert werden müssen? Diese Frage hätte man sich eigentlich bereits bei der Nationalpark-Gründung stellen müssen. Doch das ist m. W. nie erfolgt. Die Wege waren immer einfach „eben nur schon immer da“. Bei ganz vielen Wegen ist ab Nationalparkgründung niemals wieder auch nur irgendeine Art von Wegunterhaltung erfolgt. Bei Wanderwegen ist dies ein anderes Thema, aber bei den Rettungswegen fällt es uns nun auf die Füße.
Es könnte freilich auch sein, dass für Rettungswege das Innenministerium zuständig ist. Oder das Finanzministerium? Nur – ob es dort gerade einen Haushaltposten für den Nationalpark gibt? Die denken doch sicherlich, mit dem Nationalpark-Haushaltposten aus dem Umweltressort ist alles schon bezahlt.
Der Nationalparkverwaltung ist die Unterversorgung der Landschaft mit Rettungswegen gewiss bewusst. Das zeigt die Karte sehr deutlich. Es müsste viel mehr Rettungswege geben. Auch denke ich, dass es kein Zufall ist, dass man die Borkenkäferflächen in die Karte eingetragen hat. Die gehören ja nicht unbedingt zum Kartenthema. Man hätte sie also auch weglassen können. So allerdings sind die riesengroßen Flächen ohne jegliche Rettungmöglichkeit für jeden Kartenbetrachter sofort sichtbar.
Caspar David Friedrich: Waldinneres bei Mondschein. Alte Nationalgalerie Berlin. Bei näherer Betrachtung zeigt das Bild freilich eine Kahlhiebfläche, also weniger einen Naturwald, als einen Nutzforst, und das bereits vor 200 Jahren.
Nachbemerkung: Interessant ist, dass im Nationalpark gelbe Wege der Einsatzwegekategorie 2a ausgewiesen sind, die es außerhalb des Nationalparks nicht gibt. Man hat also Kategorie 2 in die beiden Kategorien 2a und 2b unterteilt und so die Kat. 2a geschaffen, die bereits mit dem leichteren Tanklöschfahrzeug TLF 3000 befahren werden kann (Wikipedia: Allrad, 14 t schwer, „ideal für unwegsames Gelände“, wohingegend das TLF 4000 „rot“ 18 t wiegt).
Vergleich Einsatzwegekategorie (EWK) Rettungswegekarte — Wegklasse Böhm-Wanderkarten (Halbklasse)
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09.10.2026 Inital
11.10.2026 In Arbeit
12.10.2026 TLF 3000/4000 ergänzt







